Der September ist in den Schweizer Bergen die Zeit des Abschieds. Nach einem Sommer auf den saftigen Hochweiden machen sich die Kühe wieder auf den Weg ins Tal – und das tun sie hierzulande nicht einfach so, sondern mit einem festlichen Umzug, den man «Alpabzug» nennt. Wer im Herbst durch eine Bergregion fährt, sollte sich deshalb nicht wundern, wenn plötzlich eine Blaskapelle und eine Herde blumengeschmückter Kühe die Strasse blockieren. In der Schweiz hat eben auch das Nachhausekommen seinen eigenen Feiertag.
Warum die Kühe überhaupt auf die Alp gehen
Jeden Sommer verbringen rund 400’000 Kühe und Rinder etwa drei bis dreieinhalb Monate in den Schweizer Alpen – verteilt auf über 6’500 bewirtschaftete Alpbetriebe. Der Grund ist so einfach wie praktisch: Während die Tiere von viel Bewegung profitieren und frisches, kräuterreiches Alpgras fressen können, werden die Weiden im Tal entlastet, sodass dort Heu für den Winter gewonnen werden kann. Nebenbei entsteht der berühmte Alpkäse, der einen guten Teil seines Aromas den Kräutern der Bergwiesen verdankt. Spätestens Ende September bis Anfang Oktober ist das Gras oben abgefressen und die erste Kälte kündigt sich an – Zeit für den Rückweg.
Ein Fest mit Blumenschmuck
Das Besondere: Die Kühe werden für den Alpabzug prächtig geschmückt, mit Blumenkränzen, Tannenzweigen und den grossen Glocken, deren Klang durch die Täler hallt. Doch der Schmuck ist mehr als Dekoration. Traditionell werden nur dann die schönsten Kränze aufgesetzt, wenn der Alpsommer ohne Unglück verlief – wenn also alle Menschen und Tiere gesund zurückkehren. Ein ungeschmückter Zug ist in manchen Regionen ein stilles Zeichen dafür, dass etwas passierte. So wird aus dem fröhlichen Umzug auch ein Moment der Dankbarkeit.
Wo man den Alpabzug erleben kann
Fast jede Bergregion feiert ihren eigenen Alpabzug, oft verbunden mit einem Markt, Handwerk und regionalen Spezialitäten. Bekannt sind etwa die Alpabzüge in Charmey, Urnäsch oder Schüpfheim. Die genauen Daten hängen jedes Jahr vom Wetter ab und werden meist kurzfristig angekündigt – ein Blick auf die Website der jeweiligen Tourismusregion lohnt sich also.
Für Neuzugezogene ist der Alpabzug eine der schönsten und zugänglichsten Möglichkeiten, ein Stück lebendige Schweizer Tradition aus nächster Nähe zu erleben. Und anders als beim brasilianischen Frühlingsanfang im September beginnt in der Schweiz langsam der Rückzug in die kalte Jahreszeit – umso ausgelassener wird der letzte grosse Auftritt des Sommers gefeiert. 😊
Nehmen Sie sich also an einem Septemberwochenende Zeit für einen Ausflug in die Berge. Kuhglocken, Alphornklänge und ein Stück frischer Alpkäse – schweizerischer geht ein Herbsttag kaum.

